Ambrose Bierces Kann so etwas wahr sein? versammelt Erzählungen an der Grenze von Kriegsbericht, Schauergeschichte und psychologischer Fallstudie. In prägnanter, oft unerbittlich klarer Prosa führt Bierce seine Leser in eine Welt, in der Wahrnehmung trügt, Zufall und Grauen ineinander übergehen und das Übernatürliche nie ganz vom Rationalen zu trennen ist. Der Band steht damit in der Tradition der amerikanischen Kurzprosa des späten 19. Jahrhunderts, verbindet jedoch realistische Präzision mit makabrer Ironie und einer skeptischen Reflexion über Wahrheit, Erinnerung und Todeserfahrung. Bierce, 1842 geboren und als Journalist, Satiriker und Erzähler bekannt geworden, war durch seine Erlebnisse im Amerikanischen Bürgerkrieg nachhaltig geprägt. Die unmittelbare Konfrontation mit Gewalt, Verlust und existenzieller Unsicherheit erklärt die Eindringlichkeit, mit der seine Texte Grenzsituationen schildern. Auch seine publizistische Schärfe und sein Hang zur Desillusionierung wirken in dieses Werk hinein: Bierce schreibt nicht, um zu beruhigen, sondern um Gewissheiten zu erschüttern und die Brüchigkeit menschlicher Erkenntnis offenzulegen. Dieses Buch empfiehlt sich besonders Lesern klassischer Phantastik, der Schauerliteratur und der modernen Kurzgeschichte. Wer Edgar Allan Poe, Stephen Crane oder frühe psychologische Prosa schätzt, wird hier eine intellektuell anspruchsvolle und atmosphärisch dichte Lektüre finden. Kann so etwas wahr sein? ist ein Werk, das verstört, fasziniert und lange nach der Lektüre weiterarbeitet.