Im Salon des Jahres 1822 gab Eugène Delacroix als 24jähriger sein Debüt mit dem Aufsehen erregenden Gemälde "Dante und Vergil in der Hölle". Bereits zwei Jahre später sollte er noch mehr Aufsehen und vor allem noch mehr Kritiker erregen: mit der Ausstellung des "Massakers von Chios" im Pariser Salon des Jahres 1824. Die Reak-tionen auf die Umsetzung des Themas fielen unterschiedlichst aus; einige wenige Be-sucher des Salons schwelgten in Begeisterung " "the most beautiful picture in the ex-hibition, for it is the most expressive"" andere waren hin- und hergerissen: "His bad picture is superb in color and it is not without certain very fine facial expressions, but everything ought to aim at common sense." Die Mehrzahl der Kritiker machte das Gemälde allerdings vollends nieder, Jean Antoine Gros ließ sich gar zu dem Ausruf "C"est le massacre de la peinture!" hinreißen.
Sogleich stellt sich also die Frage, warum das Werk die Gemüter derartig spaltete, wa-rum sich die Reaktionen der vielen " durchaus ernstzunehmenden Kritiker " auf einer so großen Bandbreite bewegten. War die Umsetzung des Bildthemas durch Delacroix neu, revolutionär, war sie mißverstanden worden und unverstanden geblieben? Oder war sie etwas Altes, schon Überholtes? Auguste Chauvin jedenfalls prognostizierte dem Werk eine traurige Zukunft: "Posterity will never accept such works, and contem-poraries of good faith will tire of them."
Mit einer Analyse des Werkes sowie Untersuchungen zur formalen und inhaltlichen Erarbeitung des Bildthemas soll hier versucht werden, Traditionelles und Neues dieses Gemäldes herauszustellen und seine Position in der Kunstgeschichte zu lokalisieren " denn man darf erhebliche Zweifel nicht nur an der Einschätzung Chauvins hegen.
Die Quellenlage zu Delacroix beziehungsweise dem "Massaker" ist zufriedenstellend. Zunächst leistete André Joubin in den 1930er Jahren mit der Veröffentlichung des Ta-gebuches des Malers und der Zusammenstellung und Veröffentlichung seiner reichen Korrespondenz einen großen Beitrag zur Forschung. Gerade zum hier behandelten Gemälde findet sich sehr viel unverzichtbares Material; das "Massaker" ist das im Journal " hier vorliegend in einem Druck von 1982 " und in der Korrespondenz am vollständigsten dokumentierte Werk des Künstlers überhaupt. Vom 15. September 1821 bis zum 19. August 1824, also bis sechs Tage vor der Eröffnung des Salons " ist das Wachsen der Bildidee,...